Dr. Silke Feldhoff

Auch wenn Susanne Ring den Ausdruck ‚Künstlerbuch‘ nicht mag – bei „Smutnas“ handelt es sich genau um ein solches: Von der Künstlerin konzipiert, gestaltet und realisiert versammelt „Smutnas“ eine Auswahl ihrer künstlerischen Arbeiten der letzten Jahre - einzigartig komponiert und amalgamiert zu einer Folge neuer Bilder. Parallel zu ihrer Ausstellung „Himmel und Hölle“ im Saarländischen Künstlerhaus Saarbrücken ermöglicht „Smutnas“ einen Einblick in die Vielseitigkeit ihres künstlerischen Arbeitens – unterschiedlichste formale, mediale, inhaltliche und atmosphärische Facetten werden in gleichzeitigem unhierarchischem Nebeneinander aufgefächert. Während der Schwerpunkt von Susanne Rings Schaffen auf Malerei und Plastik liegt, zeigt jede Seite dieses Bilderbuches eine am Computer erstellte Collage. Hierfür kombinierte sie Fotografien ihrer Bilder und Figuren der letzten Jahre, am Computer erstellte Zeichnungen und einige wenige Fotos privater Natur, schnitt aus, verdoppelte, verschob und überzeichnete am Computer in grob handwerklicher Manier. Ein Riesenspaß, wie sie sagte, der zu neuen Bildern führte, die schließlich das Panoptikum „Smutnas“ bilden.


Susanne Rings Faszination für abseitig Schräges, ihr subtiles Gespür für emotionale und soziale Gefüge, ihre Unruhe und Ungeduld gegenüber dem eindimensional Statischen und vermeintlich Eindeutigen sowie schließlich ihr Faible für Transgression und Transluzentes, das einen Blick auf darunter / dahinter Liegendes gewährt, schlägt sich in jedem einzelnen Bild des Buches nieder. Wie sie arbeitet, was sie interessiert, warum die Figuren ihrer Ausstellung „Himmel und Hölle“ so aussehen, wie sie aussehen und warum sie das vorliegende Bilderbuch „Smutnas“ betitelte –– ‚smutna‘ bedeutet im Tschechischen und Polnischen ‚traurig‘ – erzählt sie im Gespräch.

 


„Smutna – lange Schatten“, so hieß eine Ausstellung, die ich Ende letzten Jahres in Berlin hatte. Am Anfang hatte ich die Idee, in diesem Buch vor allem die Figuren der „Smutna“-Ausstellung vorkommen zu lassen, und dann, dass ich in diesem Buch Arbeiten von mir, die sonst nicht zusammen gezeigt werden, zusammenführe. Das Buch zeigt eine Art Vervielfältigung, eine Vielzahl, deswegen der Plural, ‚smutnas‘. Bei ‚Smutnas‘ geht es um etwas Trauriges, oder um Traurigkeit, die sich in diesem Wort lautmalerisch zeigt. Die Arbeiten haben für mich etwas ziemlich Freakiges. Da geht es immer um etwas Trauriges, aber für mich ist wichtig dabei, dass es auch um etwas geht, das einen berührt. Und zwar nicht nur im gruseligen Sinne, sondern auch auf einer fürsorglichen Ebene. Dass man gerne für diese Figuren oder Kreaturen Sorge tragen würde.


Das Wort ‚smutna‘ habe ich aus einem Buch von Judith Hermann. Literatur ist mir wichtig. Nicht immer, aber manchmal gibt es einen glücklichen Zufall, eine Verschränkung mit Alltagssituationen oder mit der aktuellen Lebenssituation, dann wird sie wichtig. Das ist aber nicht berechenbar. Gerade lese ich wieder von Per Oolv Enquist „Gestürzter Engel“. Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit, es geht um einen Mann, dem ein zweiter Kopf aus der Stirn wuchs. Damit wurde er in den zwanziger Jahren als Attraktion über Jahrmärkte geführt. Dieser Kopf hatte Augen, Augenbrauen, und er hatte einen Mund. Es war ein weiblicher Kopf und er hat ihn Maria genannt. Die Geschichte hat mich auch so interessiert, weil es um eine Liebesbeziehung geht. Enquist schreibt auch über Bertold Brecht und eine seiner Liebsten, die in der Psychiatrie ist. Er sollte sie dort heraus holen, und sie sagte wohl, wenn Du mich holst, dann musst Du alle anderen auch heraus holen. Das wollte er nicht, woraufhin sie antwortete, dann würde sie auch bleiben.


 

Frau Ring, Sie erwähnten einmal, dass Sie auch Murakami lesen?


Ja – aber leider nicht mehr so gerne. Ich mag seine Bücher, in denen der Schafsmann vorkommt, und „Hard Boiled Wonderland“.
Ich frage deshalb nach Murakami, weil mir bei Ihren Bildern dieses phantastische Element aufgefallen ist, das bei Murakami ganz wichtig ist. Der Wechsel zwischen Realitätsebenen, zwischen Jenseits und Diesseits, ein so fließender Wechsel, dass sich das eine gar nicht unbedingt vom anderen trennen lässt. Und dieser Erzählstrom, dass sich das eine organisch aus dem anderen entwickelt und immer weiter andere Formen gebiert .... Bewusstes, Unbewusstes, Wahrnehmbares, oder Sachen, die sich in der Phantasie abspielen, übersetzen Sie bildnerisch.

 

Können Sie genauer benennen, wie Sie arbeiten?


Ich überlasse mich meiner eigenen Uferlosigkeit. Den Zufälligkeiten der Alltags… Natürlich habe ich bestimmte Themen, an denen ich arbeite. Und dazu kommt dann eine Mischung aus Tagträumen und aus Assoziationen zu Begebenheiten. Ich fahre irgendwo vorbei und dann ist da zum Beispiel ein Haus, das ist mit Efeu bewachsen und der Wind fliegt hindurch und es sieht aus, als hätte das Haus ein Kleid an. Manchmal verschränkt sich das Gesehene oder Erlebte mit dem, was mich gerade in der Arbeit beschäftigt, manchmal nicht. Assoziationen, Impulse, Alltagserfahrungen schieben sich wie ein Filter vor das aktuelle Thema. Das funktioniert stark über freies Assoziieren, es ist kein bewußter Vorgang, sondern etwas, das passiert, weil ich so bin wie ich bin.
Mein Arbeiten funktioniert wie ein ziemlich löchriges Fischernetz, in dem sich immer mal wieder etwas verheddert. Es wird gehalten durch eine Grundstruktur, das ist meine Art zu gucken oder die Auswahl der Materialien oder Farben oder Formen im weitesten Sinne. Was schließlich zu sehen ist und wie dies im Einzelnen aussieht, da spielt der Zufall eine große Rolle. Es geht ganz viel um Assoziationen und auch um Zufall. Und es hat viel von einem Gespräch. Von einem Selbstgespräch. Über die Fragen, die sich beim Machen entwickeln.


Vielleicht geht es ja auch deshalb um den gestürzten Engel, also diese Person mit den zwei Köpfen, die über die Jahrmärkte getingelt ist. Oder die Frau ohne Unterleib ... Man mutmaßt ja, was ist das für ein Leben, wenn man in solchen Wagen über die Märkte gezogen und begafft wird. Mir geht es nicht darum, Außenseiter zu zeigen, mir geht es um Zerbrechlichkeit. Verletzlichkeit, Fragilität, darum geht es. Irgendwie geht das Wort ‚smutna‘ mit dieser Facette meiner Arbeit eine Allianz ein. Für die Arbeiten in Berlin hatte ich verwahrloste Kinderzimmer fotografiert, aus der Melange an Fotos und dazu kreierten Figuren war der Titel „Smutna“ entstanden. Vor dem Hintergrund, Hermann gelesen zu haben, war dieser Titel letzten Endes eine Zwangsläufigkeit.
 Das ist genau, was ich meine, wenn ich sage, ich empfinde meine Auswahlprozesse, oder meine gedanklichen Strukturen, die als Schlüssel zu meiner Arbeit funktionieren, wie ein großes Netz, mit dem ich wie in einem Meer fische. Manche Dinge, die drin hängen bleiben, werden verworfen, und andere werden für gut befunden. Aber das ist nicht unbedingt ein gezielter Feldzug, sondern ein Im-Trüben-Fischen und Hoffen, dass etwas Brauchbares hängen bleibt.


 

Sie haben kürzlich davon gesprochen, dass Ihnen Ihre aktuellen Figuren, die z.T. auch in der Ausstellung „Himmel und Hölle“ gezeigt werden, im Vergleich zu früheren Figuren wie eine Freak-Kolonie vorkämen. Ich finde fast alle Ihre Figuren freakig, viele auch unheimlich. Ihre Faszination für Unheimliches, Phantastisches und auch Groteskes zieht sich durch Ihr gesamtes künstlerisches Schaffen, scheint mir. Was unterscheidet für Sie die neuen Figuren von den früheren?

Eine gewisse neue Freiheit im Umgang mit Materialien und mit der Kombination verschiedener Materialien. Das hat eine Ähnlichkeit zu dem Mann mit zwei Köpfen und der Frau mit Bart, bei denen man denkt: Da ist etwas, was da nicht hingehört, aus einem Material, was da nicht hingehört. Diese Idee von Oberfläche und Brüchigket und Archaik – und bei „Himmel und Hölle“ geht es stark um Archaik – transportiert sich viel besser über harte Materialkontraste.
 Und es gibt bei mir ein deutliches Bewusstsein dafür, dass die Grenze zu Freakigkeit und Wahnsinn und Abgründigkeit viel dünner ist, als man allgemein vermutet. Das Leben ist ein empfindliches Gewirk. Die Oberfläche funktioniert bei den meisten Menschen ganz gut, darunter ist es eher brüchig. Dinge, die man tagtäglich in der Zeitung liest, Kinder verhungern und keiner wusste von der Situation hinter Nachbars Wohnungstür. Und dann sind alle ganz erstaunt. Mich erstaunt das nicht so sehr.
In Ihren Collagen ist das phantastische Moment besonders stark ausgeprägt. Sie suspendieren Grenzen von Zeit, Raum, Gattung, Logik. Ich musste an Goya denken und seinen Zyklus „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, an Alfred Kubin und sein „Bestiarium“, an Tierköpfe auf Menschenkörpern und Menschenköpfe auf Tierkörpern... Und Judith Hermanns Band mit Erzählungen trägt den Titel „Nicht als Gespenster“...


Also, Gespenster sind überhaupt nicht gruselig. Gespenster sind eher so, dass sie sich etwas überziehen müssen, damit man sie überhaupt sieht. Das sind freundliche Genossen, die froh sind, wenn sie geduldet werden. Eigentlich sind die eher verschreckt. Also, ich habe vor Gespenstern keine Angst, ich habe auch als Kind vor Gespenstern keine Angst gehabt. Und phantastische Malerei, ja die schaue ich mir schon an... Wäre ich reich, würde ich mir einen Ensor kaufen wollen! Die Präraffaeliten finde ich großartig, auch Odilon Redon und Auguste Moreau natürlich. Frida Kahlo ist ja auch phantastisch, letzten Endes. Für mich gehören zu phantastischer Kunst unbedingt Marc Rothko und Cy Twombly. Und ein Bild von Miriam Cahn würde ich auch immer haben wollen. Phantastische Kunst oder das, was mich interessiert, muss gar nicht figürlich sein. Ich glaube, es geht um das Intuitive und das Sich-in-Etwas-Verlieren. Das man deutlich den Moment einer Auflösung spürt. Bei Wolfgang Tilmans finde ich das besonders faszinierend, er pervertiert das wesentliche Moment der Fotografie, dieses Festhalten des Momentes, indem er nur Vergänglichkeit und Auflösung zeigt.


Die Sachen, die ich gut finde, haben eine ähnliche Machart. Ich mag zum Beispiel auch die Arbeiten von Marlene Dumas sehr, und die von Norbert Schwontkowski und Tal R. Ich glaube, es geht nicht so sehr um das, was gezeigt wird, sondern um die Haltung beim Machen bei diesen Künstlern. Diese Haltung unterstelle ich ihnen. So wie Rothko sagte, „Es geht gar nicht um Farbe, es geht um Emotion“. Es geht nicht um Farbe oder um Malerei um der Malerei willen, sondern es geht darum, Emotionen zu erzeugen. Das ist genau das, was für mich da spürbar wird.


 

Geht es Ihnen darum, Emotionen zu erzeugen oder einzufangen? 


Festzuhalten. Eigentlich festzuhalten. Sie beim Machen zu haben und durch das Machen festzuhalten. Beim Machen wird ja etwas erlebt. Das ist, glaube ich, der Punkt dabei. - Mir hat einmal ein Redner eine ganz gute Frage gestellt. Er fragte, wonach ich meine Materialien auswähle. Darüber habe ich jetzt wieder vermehrt nachgedacht, es ist tatsächlich so, dass je archaischer die Wirkung, desto krasser und härter der Materialmix. Und je krasser die Kombination, desto freakiger wirkt auch die Figur. Wegen dieser Brüchigkeit und der Massivität. Archaik ist ja etwas ganz Heftiges und etwas ganz Unmittelbares. Und der Materialmix vermittelt auch unterschiedliche Facetten, Gröberes, Differenzierteres, über manches weiß man mehr und über manches weniger.
 Diese Figur zum Beispiel, man sieht Rock und Taille, aber sie hat keinen Kopf, an dessen Statt ist ein Flechtwerk, so ein Kranz, wie der Rest eines Weidenkorbes...
Das ist eine Madonna. Ich habe einige Madonnen, die keinen Kopf haben, nur diesen Heiligenschein. Bei der Ausstellung „Himmel und Hölle“ geht es ja im Wesentlichen um Tod und Alterung. Zumindest ist das eine Klammer.


 

Stammt der Titel „Himmel und Hölle“ eigentlich von dem Kinderspiel, bei dem man in Kästchen hüpft und eine Linie nicht berühren darf?


Auch, ja. Aber es gibt auch noch das Falt-Himmel-und-Hölle. Das Spiel ist wie ein Kinderorakel. Wenn man will, kann man daran glauben. Dann hat es so etwas Verheißungsvolles. Ich fand das auch schön, dass man aus diesem Kinderspielzeug eine Landschaft bauen kann - eine bergige, schroffe, apokalyptische Landschaft. Ja, Himmel und Hölle, Hieronymus Bosch, der Höllensturz, Dante, Sartres „Hinter verschlossenen Türen“, darum geht es, das beschäftigt mich gerade. Man startet als Kind und dann geht es zu Ende. Das Falt-Himmel-und-Hölle verweist schon auf ein Ende, obwohl es ein Kinderspiel ist. Das ist auch ein Grund dafür, dass die Figuren so gehalten sind, wie sie sind, mit den Scherenschnitten auf den vermeintlichen Kleidern und dem Gekritzel und dem Totenkopf und dem Skelett. Man kann das alles in diesem Kontext sehen – man muss aber nicht.
Himmel und Hölle ist Verheißung in beide Richtungen.
Ja, es hat so etwas Elipsenhaftes. Es sind Kreise, die gezogen werden, an manchen Stellen überschneiden sie sich, dann gibt es Schnittmengen. Es gibt auch Ausflüge. Es ist eben nicht eindimensional, in dem Sinne, dass aus dem einen das andere folgt. - Ich wollte gern, für die Ausstellung und für das Buch, dass der Eindruck einer Flut entsteht.

 

[Dieses Gespräch ist nur zum Teil frei erfunden. Aufgezeichnet wurde es im August 2008 in Berlin.]

 

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